Neue Worte, neue Begriffe, Neologismus +-en

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Neue Worte, neue Begriffe, Neologismus +-en

Post by dejost » 04 May 2007, 18:52

Ein Thread der sich Neuentwicklungen und Neuerscheinungen der (deutschen) Sprache widmet, aber auch Worte die es vielleicht schon gab, die aber jetzt eine neue Bedeutung oder breitenwirksamere Bedeutung erhalten.

Beispiele in jüngerer Geschichte sind Nullwachstum, Nulldefizit, Nulllohnrunde, Mediokratie, Lebensmensch und natürlich Unmengen technischer und Fachbegriffe.

In Zeiten, in denen es Schlagworte und die dazugehörigen sozialen Erscheinungen wie McJobs, working poor gibt, in denen es kein Akademikereinstiegsgehalt mehr gibt und mehr Ausbildung nicht mehr mit mehr Einkommen in Zusammenhang gesetzt wird, in denen 1 Mio Menschen von Armut gefährdet sind, braucht's auch neue Worte um Gehälter zu definieren.

zB familientragfähiges Gehalt

Dieses bezeichnet das Netto- Einkommen, das ausreicht, um im 20km Umkreis des Arbeitsplatzes eine Wohnstatt für einen (min) 3 Personenhaushalt zu finanzieren, inklusive Gas, Wasser, Strom usw., Lebensmittel, Gesundheitsvorsorge/dienstleistungen, Kleidungskosten, allfällige Schulkosten für schulpflichtige Kinder, Transportmittel zu Arbeit und Schule, einen prozentualen Steigerungsbetrag für "Lebensqualität" (also zB Haustier, ab und zu Kino, ein Buch, Rundfunkgebühren, Telephonkosten usw) und einen weiteren prozentualen Steigerungsbetrag für Vorsorge, unter Berücksichtung von Beihilfen, wie Kinderbeihilfe, Pendlerpauschale, Mietbeihilfe plus Ausgleich für die Inflation usw.

Das familientragfähige Gehalt variiert dementsprechend regional etwas.
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harald
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Post by harald » 05 May 2007, 01:58

Und wie hoch ist das dann in Wien zB im 18. Bezirk?
--Harald
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Post by dejost » 05 May 2007, 09:30

ich bin noch am sammeln der notwendigen empirischen daten.
durchschnitts- mietpreise sind schwierig zu finden.

gerundet würde ich mal schätzen als educated guess

450 (Wohnung, inkl Kanalgebühren udgl und Reparaturfonds)
+ 200 (Lebensmittel)
+ 150 (energie, wasser usw)
+ 050 (Gewandkosten, auf den Monat runtergebrochen)
+ 100 (Gesundheitskosten, als Jahreskosten auf Monat runtergebrochen, inkl sind Medikamente, Impfungen, Selbstbehalte, Brillen uvm)
+ 057 (Transportkosten, 1,5x Jahreskarte / 12, schon inkl der am Juli geltenden Preissteigerung)
+ 10% LQ Steigerung
+ 5% Vorsorge
- 100 je Kind, als Berücksichtung der gerundeten Kinderbeihilfe

Damit käme ich auf ~1150 € netto, ohne Beihilfen, ohne Schulgeld/Studienkosten. Auch ohne Auto, weil in Wien nicht notwendig (kommt drauf an, wo im 18.)
Ich bin nicht sicher, ob man die LQ Steigerung nicht mit mindestens 12% annehmen sollte, schließlich ist das sonstige ja quasi das Existenzminimum, auch die Gesundheitskosten sind mehr geraten als geschätzt, ebenso die Gewandkosten (sind auch jobabhängig, je nachdem ob man einen Frack tragen muss oder Arbeitskleidung bekommt, auch abhängig ob die Kinder eine Schuluniform brauchen usw).
Gemeindewohnungen habe ich absichtlich nicht angenommen, weil die ja nicht jeder haben kann und nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Bin im Zusammenhang auch draufgekommen, dass in der obigen Definition Kleidungskoten gefehlt haben, die habe ich jetzt nachgetragen.

Die meisten dafür relevanten Daten hat wohl eh die Gemeinde oder das Land...

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Post by harald » 06 May 2007, 00:08

Die Schätzung klingt recht plausibel, wobei ich das bei den Kindern jetzt mangels Erfahrung nicht nachvollziehen kann. Als BVA Versicherter wird man wohl ein wenig mehr annehmen müssen, durch den Selbstbehalt.
--Harald
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Post by dejost » 20 Nov 2008, 08:25

Verpopcornung oder Ver-popcorn-ung bezeichnet den Prozess, in dem eine Sache, eine Tätigkeit, ein Phänomen zu einem medienwirksamen, breitenwirksamen Unterhaltungsobjekt/phänomen wird, quasi das beginnende regelmäßige Auftreten auf der Fernsehcouch.
Insbesondere bezeichnet es das Werden zu Unterhaltung(sbestandteilen) von Phänomenen, die bis dato nicht anerkannt waren oder negativ besetzt sind und waren. Damit einhergehend ist eine auch eine Kommerzialisierung.

Bsp ist "Happy Slapping", also unprovozierte Gewalt an zufälligen Personen, das aufgenommen wird und weitergereicht wird, Prominentenboxkämpfe und übertriebene Gewaltdarstellung in den Medien (zB in positiv rezensierten Filmen) sind Teile der Verpopcornung von Gewalt, die sich insbesondere in den letzten Jahren deutlich gezeigt hat.

Sex/Erotik/Pornographie sind schon völlig verpopcornt (oder popcornisiert).
Auch Beleidigungen udgl sind schon zwar nicht salontauglich, aber eben für das TV- Massenpublikum tauglich. Und genau diesen Zwischenschritt, zwischen "nicht anerkannt" und salontauglich, die Fernsehcouch eben, diesen Zwischenschitt (begleitet mit Erfolg bei Einschaltquoten und damit eben auch Kommerz) bezeichnet Verpopcornung.
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Post by dejost » 20 Nov 2008, 08:27

Heute erstmalig im Standardforum von "Vseckojedno von Jednosek" gelesen:

Dichantokratie Faymann'scher Prägung

"Rudi P." liefert das Zeitwort:

dichantisieren

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Post by dejost » 30 Nov 2008, 11:56

In dieser Diskussion aufgeworfen (weiß nicht mehr, von wem):

Edelpopulismus bzw edelpopulistisch.

(Ich denke, die Bedeutung ist "Populismus durch eine Person in einer Regierung, die kein Nazi ist" oder "Populismus, dem man nicht gleich ansieht, ein solcher - und nichts anderes - zu sein")
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Post by dejost » 06 Dec 2008, 18:16

So, und heute mal wieder ein Neologismus, der von mir selbst stammt:

Nullerfolg

Nullerfolg ist ein Euphemismus für Misserfolg, wie das Wort schon sagt hat man 0 also keinen Erfolg. Hört sich aber besser an, als zu sagen "ups, das ging daneben", daher "Entgegen den ursprünglichen Estimationen ist sich nur ein Nullerfolg ausgegangen".
Last edited by dejost on 06 Oct 2009, 14:28, edited 1 time in total.

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Post by dejost » 16 Mar 2009, 12:00

Inspiriert durch den Standard, wieder ein Neologismus meiner Wenigkeit:

Rottweiler- Journalismus
(aka Bulldoggen- Journalismus)

Bezeichnet eine Form von Journalismus, wo sich der "Reporter", wie ein tollwütiger Rottweiler oder eine tollwütige Bulldogge (oder wie ein Haifischschwarm in Feeding frenzy) auf das - in jeder Hinsicht - Opfer stürzt, in völliger Ignoranz von Menschwürde, Opferschutz, Privatsphäre, guten Geschmacks, Ansehen der Medien etc. Vom Opfer wird erst dann gelassen, wenn nichts mehr über ist - also wenn es niemanden mehr interessiert.

Beispiele sind der Fall P., der Fall F. aber auch diverse extreme Ausformungen von Reality- Formaten.

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Post by dejost » 06 Oct 2009, 14:53

Heute las ich in einem Forum etwas von Nepotismus bzw Günstlingswirtschaft. Der Poster wollte den Austriazismus Freunderlwirtschaft dafür verwenden, aus mir jedoch nicht bekannten gründen (ver)schrieb er jedoch "Freundalwirtschaft"

Das inspirierte mich zu eben diesem Neologismus

Freundalwirtschaft (mit langem "a" wie bei Feudal)

ein Kofferwort aus Freunderlwirtschaft und Feudal(wesen/ismus)

Bis zu einem gewissen Grad ist es ein Pleonasmus, weil das Lehenswesen stammt ja ua auch vom römischen Klientelsystem ab.

Das inhaltliche Neue bzw Mehr ist, dass es sich um eine schon institutionalisierte Form der Günstlingspolitik hat.
Der "Lehensgeber" (bitte geschlechtsneutral verstehen), also die Person in der Machtposition, ist schon derart gefestigt in seiner Position - trotz Demokratie und eben auch wegen des Rückhalts seiner Freunde - dass er es sich leisten kann, Günstlingswirtschaft zu betreiben, und muss das nicht mal effektiv kaschieren, oder wenn es doch rauskommt, sich nicht dafür verantworten. Der "Lehensgeber" ist auch schon so gefestigt, dass er trotz Demokratie nicht fürchten muss, in absehbarer Zeit seine Machtposition aufzugeben, was im Gegenzug wieder die Bindung der Freunde an ihn stärkt.

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Post by dejost » 04 Dec 2010, 22:05

Red Bullisierung

Anlässlich eines Unfalls bei einer Art Extremsportart in Wetten, dass.

Heißt wohl etwas in der Art "Tote für die Quote" und "No Risk no Fun"

Erstmalig hier gelesen: http://derstandard.at/plink/1291454126890/19080838
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Post by dejost » 15 Jan 2011, 17:24

Schwarmschmäh

Wenn viele Leute Witze zum selben Thema machen, zB über Twitter, Fakebook oder ein Forum

erstmalig gelesen hier: http://derstandard.at/1293370674696/Net ... forumstart

und das forum zu diesem artikel ist auch ein solcher schwarmschmäh. und lustig ist es tw auch sehr.
Last edited by dejost on 27 Apr 2011, 08:07, edited 1 time in total.

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Post by dejost » 27 Apr 2011, 08:05

Tontaubenjournalismus

Das Wort las ich erstmals in der österlich-wochenendlichen Presse am Sonntag im Jahr 2011

http://diepresse.com/home/politik/innen ... h-Charisma
Ein solches System braucht jeden Tag einen neuen Hype, einen neuen Stern, der umso schneller verglüht. Dabei hat sich die Bastard-Hybridform des Tontauben-Journalismus herausgebildet, in dem Politiker hochgeschrieben werden, um sie nachher besser abschießen zu können.

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Post by dejost » 28 Jun 2011, 12:31

Berlusconi-Effekt aka Strache-Effekt

Hier nachzulesen, von fridekeynes
endlich eine kandidatin zu haben, die so deppert und primitiv ist wie sie selbst sind! ich nenne das berlusconi-efffekt (trifft zb auch auch fpö-wähler zu!). motto: wähle niemanden, der auch nur um ein eck gscheiter ist als du!
Wobei ich das etwas adaptieren würde:
Wähle niemanden der anständiger ist als du und komplizierte Begründungen verwendet.

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Post by dejost » 22 Oct 2013, 14:45

Lindnern

Verb dafür, wenn gewählte Mandatar/innen plötzlich draufkommen, dass sich ihre persönliche Meinung gar nicht mit jener der Partei, für die sie kandidieren / kandidiert haben, deckt.

heute, von TschiiBii (Quelle: http://derstandard.at/plink/1381369382503/34035863)

Guest

Re: Neue Worte, neue Begriffe, Neologismus +-en

Post by Guest » 29 Oct 2014, 09:04

http://derstandard.at/plink/20000074198 ... id40500163

edit by Admin:
Ich poste mal den Inhalt des Links:
"Herumstrolzieren"
Bedeutung:
Das Schwadronieren in schneller und kaum nachzuvollziehender Sprache über Gott und die Welt bzw. das Aneinanderreihen von mehreren "guten" Ideen in einem Satz, verbunden mit Begriffen aus dem Management-Sprech oder der Esoterik.

Beispiel:
Matthias hat gestern in der ZIB 2 nicht auf Armins Fragen geantwortet, sondern hat stattdessen gehörig "herumstrolziert".
Da passt es sehr gut, dass man gerade Vorschläge für das österreichische Wort des Jahres einreichen kann: www.oewort.at

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Re: Neue Worte, neue Begriffe, Neologismus +-en

Post by dejost » 24 Dec 2014, 07:39

Schmierarchie

Der Erfinder ist die Person, die Lems futurologischen Kongress ins Deutsche übersetzt hat. Das Buch wurde 1970 geschrieben, von wann die Übersetzung ist, weiß ich nicht.

Schmierarchie ist eh ein geradezu selbsterklärender Begriff - eine Hierarchie mit (viel) Korruption.

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Re: Neue Worte, neue Begriffe, Neologismus +-en

Post by dejost » 09 Aug 2016, 08:22

Twitter-Gewitter (statt Shitstorm)

Fäkaliensturm ist doch eigentlich ein hässliches Wort und Twitter-Gewitter trifft es genauer.
Ich habe das Wort schon vereinzelt gelesen, leider kann ich mich aber nicht mehr erinnern, wann und von wem und daher auch kein Link.

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Fairwashing

Post by dejost » 09 Jan 2017, 20:40

Fairwashing - oberflächliche Verbesserung der Produktionsbedingungen, aber nur soweit, wie es notwendig ist, um eine gute Presse zu bekommen

Wer sich für das Thema interessiert, kennt den Begriff Greenwashing ("sich ein grünes Mäntelchen umhängen" übersetzt wikipedia): eine kritische Bezeichnung für PR-Methoden, die darauf zielen, einem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt. (Mehr zum Thema zB http://stopgreenwash.org/).

Fairwashing beschreibt mehr oder minder das gleiche in Bezug auf die Produktionsbedingungen des Produktes und der Bezugsquellen der Rohstoffe, beispielsweise anlässlich diverser Enthüllungen über die Produktionsbedingungen von zahlreichen Unterhaltungselektronikprodukten haben viele Hersteller gar nicht und eben einige mit Fairwashing reagiert. Ähnliches wenn mal wieder ein Bericht über die Produktionsbedingungen in Südostasien für unser billig-teures Markengewand Wellen schlägt - die meisten verebben ja eh unbemerkt.

(Dieser Neologismus stammt von mir).

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