Die grüne Krawatte - Interpretationen, Analysen etc

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Die grüne Krawatte - Interpretationen, Analysen etc

Post by dejost » 11 Dec 2009, 12:26

Vor bald 20 Jahren (also sogar noch vor kortz.at) gab es einen Verein namens ProjektIL. Kortz.at ist so eine Art Nachlassverwalter dieses Vereins.

Wie an anderen Stellen erwähnt, ist von den Filmprojekten von ProjektIL jenes mit der größten Breitenwirkung "Arthur Schnitzlers Grüne Krawatte" gewesen.

Da damals mehrfach Anfragen, zumeist von SchülerInnen, zwecks Interpretation, Analyse, Verständnis der zu Grunde liegenden, mittlerweile gemeinfreien Kurzgeschichte bzw Parabel (siehe weiter unten) Schnitzlers einlangten, wurde für solche Fragen und die zugehörigen Antworten hier Raum geschaffen.
In den folgenden Postings fasse ich frühere Diskussionen, Antworten usw zusammen..

Gäste können auch hier posten (zB um weitere Vertständnisfragen zu stellen), wenn sie die Sicherheitsfrage richtig beantworten können (wer das nicht kann, wird sich bei der Matura eher schwer tun)

Hier der Kurzfilm (der Film wurde noch analog gedreht, die Digitalisierung und Archivierung hat die Qualität sehr verschlechtert.)


Katzenphotos gibt es hier und einen Überblick über das Forum hier.

Mit freundlicher Unterstützung durch Gabriel N. Ritter
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Post by dejost » 11 Dec 2009, 13:00

Volltext:

Die Grüne Krawatte
Arthur Schnitzler

Ein junger Herr namens Cleophas wohnte zurückgezogen in seinem Hause nah der Stadt. Eines Morgens wandelte ihn die Lust an, unter Menschen zu gehen. Da kleidete er sich wohlanständig an wie immer, tat eine grüne Krawatte um und begab sich in den Park. Die Leute grüssten ihn höflich, fanden, dass ihm die grüne Krawatte vorzüglich zu Gesicht stehe, und sprachen durch einige Tage mit viel Anerkennung von der grünen Krawatte des Herrn Cleophas. Einige versuchten, es ihm gleichzutun, und legten grüne Krawatten an wie er – freilich waren sie aus gemeinerem Stoff und ohne Anmut geknüpft.

Bald darauf machte Herr Cleophas wieder einen Spaziergang durch den Park, in einem neuen Gewand, aber mit der gleichen grünen Krawatte. Da schüttelten einige bedenklich den Kopf und sagten: „Schon wieder trägt er die grüne Krawatte… Er hat wohl keine andere…“ Die etwas nervöser waren, riefen aus: „Er wird uns noch zur Verzweiflung bringen mit seiner grünen Krawatte!“
Als Herr Cleophas das nächste Mal unter die Leute ging, trug er eine blaue Krawatte. Da riefen einige: „Was für eine Idee, plötzlich mit einer blauen Krawatte daherzukommen?“ Die Nervöseren aber riefen laut.
„Wir sind gewohnt, ihn mit einer grünen zu sehen! Wir brauchen es uns nicht gefallen zu lassen, dass er heute mit einer blauen erscheint!“ Aber manche waren sehr schlau und sagten: „Ah, uns wird er nicht einreden, dass diese Krawatte blau ist. Herr Cleophas trägt sie, und daher ist sie grün.“
Das nächste Mal erschien Herr Cleophas, wohlanständig gekleidet wie immer, und trug eine Krawatte von schönstem Violett. Als man ihn von weitem kommen sah, riefen die Leute höhnisch aus: „Da kommt der
Herr mit der grünen Krawatte!“

Besonders gab es eine Gesellschaft von Leuten, der ihre Mittel nichts anderes erlaubten, als Zwirnsfäden um den Hals zu schlingen. Diese erklärten, dass Zwirnsfäden das Eleganteste und Vornehmste seien, und hassten überhaupt alle, die Krawatten trugen und besonders Herrn Cleophas, der immer wohlanständig gekleidet war und schönere und besser geknüpfte Krawatten trug als irgendeiner. Da schrie einmal der Lauteste unter diesen Menschen, als er Herrn Cleophas des Weges kommen sah: „Die Herren mit der grünen Krawatte sind Wüstlinge!“ Herr Cleophas kümmerte sich nicht um ihn und ging seines Weges.

Als Herr Cleophas das nächste Mal im Park spazieren ging, schrie der laute Herr mit dem Zwirnsfaden um den Hals: „Die Herren mit der grünen Krawatte sind Diebe!“ Und manche schrieen mit. Cleophas zuckte die Achseln und dachte, dass es mit den Herren, die jetzt grüne Krawatten trugen, doch weit gekommen sein müsste. Als er das dritte Mal wieder kam, schrie die ganze Menge, allen voran der laute Herr mit dem Zwirnsfaden um den Hals: „Die Herren mit der grünen Krawatte sind Meuchelmörder!“

Da bemerkte Cleophas, dass viele Augen auf ihn gerichtet waren. Er erinnerte sich, dass er auch öfters grüne Krawatten getragen hatte, trat auf den Gesellen mit dem Zwirnsfaden zu und fragte: „Wen meinen Sie denn eigentlich? Am Ende mich auch?“ Da erwiderte jener: „Aber, Herr Cleophas, wie können Sie glauben –? Sie tragen doch gar keine grüne Krawatte!“ Und er schüttelte ihm die Hand und versicherte ihn seiner Hochachtung.

Cleophas grüsste und ging. Aber als er sich in gemessener Entfernung befand, klatschte der Mann mit dem Zwirnsfaden in die Hände und rief: „Seht ihr, wie er sich getroffen fühlt? Wer darf jetzt noch daran zweifeln, dass Cleophas ein Wüstling, Dieb und Meuchelmörder ist?!“


Zur Person Arthur Schnitzler:

Für den kurzen Überblick kann hier auf Wikipedia verwiesen werden:
http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Schnitzler

Einen ausführlichen Überblick kann natürlich nur eine Biographie oder das Studium seiner Tagebücher, des Schnitzler-Archivs etc verschaffen.

Für die Zwecke zur Interpretation der Grünen Krawatte sei nur auf seine Lebensdaten (1862 - 1931) hingewiesen und dass er Sohn eines jüdischen Arztes war.
Last edited by dejost on 11 Dec 2009, 15:35, edited 2 times in total.

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Post by dejost » 11 Dec 2009, 13:35

Zusammenfassung früherer Beiträge und Diskussionen

Zur Figur des Cleophas
Schnitzler gibt wenig zur Figur des Cleophas bekannt. Er ist jung, lebt zurückgezogen, wohnt in der Nähe des Parks und zieht sich gut an.

Mehr erfahren wir über ihn nicht, was dem Genre der Kurzgeschichte (und des Kurzfilms) auch entspricht.

Es ist anzunehmen, dass Cleophas deswegen zurückgezogen lebt, um klarzumachen, dass er nie jemanden etwas zu Leide getan hat und daher die Feindschaft der Leute nicht einmal unbeabsichtigt provoziert haben kann.

Aus Schnitzlers persönlichen Lebensumständen und dem Umstand, dass er sich besser als die meisten anzieht, kann man berechtigt vermuten, dass er wohl einer gehobeneren Schicht, zB Bürgertum, angehört. Für die Interpretation der Kurzgeschichte ist das aber nicht wesentlich.

Eine gängige Interpretation wäre, dass der Leser in Cleophas sich selbst erblicken soll. Wer würde schon von sich behaupten, man ziehe sich schlecht an, und letztlich ist Cleophas - ohne seinem Zutun - ein Opfer, eine Lektion die jedeR mal lernen sollte.

Ebenso möglich wäre es, zu vermuten, dass sich Schnitzler, selbst ein Kind der (jüdischen) Oberschicht, in Cleophas selbst dargestellt hat. Der Nationalismus des 19. Jahrhundert hat nicht nur die modernen Flächenstaaten hervorgebracht uvm, sondern eben auch den schon Jahrtausende bestehenden Antisemitismus - gemeinsam mit vielen anderen Umständen - so sehr verstärkt, dass er in Europa zum Holocaust, der Shoa, führen konnte. So wie die Vorurteile gegenüber Cleophas unbegründet und schlussendlich völlig erfunden sind, wird sich wohl auch Schnitzler in seinem Leben antisemitischen Vorurteilen ausgesetzt gesehen haben und solche wohl auch aus dem Bekanntenkreis gekannt haben.

Der Name Cleophas findet sich ua im Neuen Testament (Lukas 24,18).
Last edited by dejost on 18 Nov 2011, 13:20, edited 1 time in total.

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Post by dejost » 11 Dec 2009, 15:33

Zusammenfassung früherer Beiträge und Diskussionen

Was ist die Aussage der Kurzgeschichte?

Schitzler ging es darum, wie Geruechte/Vorurteile entstehen (im gegenwärtigen Fall ohne Grund), wie sie sich entwickeln und fortpflanzen, und dass man diesen machtlos ausgeliefert sein kann.

So gesehen gibt es keine Aussage, sondern die Kurzgeschichte ist rein deskriptiv (mit der für eine Kurzgeschichte notwendigen Komprimierung). In der Kurzgeschichte ist die Kritik an diesen Umständen jedoch klar zu erkennen, wobei auch kein Lösungsweg vorgeschlagen wird.

Wer sind "die anderen"?

Diese sind genau die: Die breite Masse, die Öffentlichkeit, die anderen, die Gesellschaft.

Manche sind halt nervöser, schlauer usw, aber letztlich sind sie die gesichtslose Mehrheit.

Wer sind diejenigen mit den Zwirnsfäden?

Anm: Für uns sind die Zwirnsfaden für die Geschichte letztlich unbeachtlich, darum haben wir sie in unserer filmischen Umsetzung bewusst außen vor gelassen.

Hier lassen sich 2 Interpretationen vertreten:
Die Zwirnsfäden- Träger könnten nur irgendeine Gruppe sein, die Rädelsführer, die Opinion- Leader, die aus einem (letztlich eingebildeten) Grund - hier eben Neid - glauben, gegen jemand - Cleophas - zu Recht in Feindschaft zu erbrennen.

Da Schnitzler aber auch angibt, dass sich diese nichts Besseres als eben die Zwirnsfäden leisten können, könnten sie auch Emporkömmlinge sein, Möchtegerns, die sich für Mitglieder der besseren Gesellschaft halten, aber kein Recht haben dieser anzugehören. Das muss jetzt nicht unbedingt Standesdünkel seitens Schnitzlers implizieren, kann auch bedeuten, dass diese aus eigenem, selbstverschuldeten Versagen es zu nichts Besserem gebracht haben.

Anm: Wir hängen der ersten Variante an.

Wo ist der Park?

Der Park ist nur ein Symbol für die Öffentlichkeit, die Welt da draußen, die Bretter die die Welt darstellen und auf der wir alle unser Leben spielen. Die Geschichte könnte genausogut im Pausenhof, auf der Kärtner Straße oder am Forum Romanum stattfinden, genauso wie es statt um Krawatten um Schuhe, Jacken, Handys, Urlaube, akademische Titel oder Aktienpakete gehen könnte.

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ardnax

Re: Die grüne Krawatte - Interpretationen, Analysen etc

Post by ardnax » 07 Dec 2017, 12:38

Kleine Anmerkung: Der Text ist KEINE Kurzgeschichte, sondern eine Parabel.

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Re: Die grüne Krawatte - Interpretationen, Analysen etc

Post by Gabriel Ritter » 07 Dec 2017, 14:26

Ich bin kein Literaturwissenschaftler, sondern nur Autor, aber schließt sich das gegenseitig aus?
Kurzgeschichte bezieht sich ja meinem Verständnis nach auf Länge und Textart (Prosaerzählung), Parabel auf den Inhalt.

Habe jetzt die "Suchmaschine des geringsten Misstrauens" ((c) dejost) bemüht, und kam (nebst kortz.at) zB auf das hier
https://marvins-zeug.de.tl/Textanalyse- ... 220%3B.htm
Dort wird das Werk sowohl als Kurzgeschichte als auch als Parabel bezeichnet.

Gutenberg scheint das Werk nicht zu haben, Zeno listet es einfach unter Erzählungen, ebenso Wikipedia.

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