Original vs Remake

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Original vs Remake

Post by dejost » 30 May 2014, 11:03

Wir sind ja schon lange an einem Punkt angekommen, wo fast alles schon mal da war, und sich Kultur- und Kreativschaffende oft nichts Neues überlegen, sondern einfach das alte nochmal machen.

In diesem Topic können alle Originale mit Remakes vergleichen, aus allen Bereichen von Musik bis Malerei.

Von meiner Seite werden hauptsächlich Filmremakes beigesteuert werden.

Im Comicfilmtopic gibt es schon Spiderman 2002 und Spiderman 2012

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Re: Original vs Remake

Post by dejost » 30 May 2014, 11:24

Total Recall 1990 vs 2007

Vorbemerkung: Der erste Film basiert auf einer Kurzgeschichte von P K Dick, "We Can Remember It for You Wholesale", der zweite wohl auf dem ersten und der Kurzgeschichte.

1990:
Ein Film mit Arnold Schwarzenegger. Schwarzenegger ist eine Klasse für sich, vielleicht nicht Oberklasse, aber doch eine eigene Klasse. Er gibt dem Actionthema eine gewisse leichte Note, witzige Einschübe sind immer wieder drinnen.
Der Spannungsbogen hält, der große Plottwist ist sehr gut gemacht, auch wenn Schwarzeneggers schauspielerische Leistung hier sicher nicht überragend ist.
Als Kommentar oder Satire taugt der Film nur eingeschränkt.

2007:
Hier geht es Süden gegen Norden und nicht mehr Erde gegen Mars, was aber beides eine gleichartige Imperialismuskritik hat.
Der 2007er reduziert die Rollen - Quaids Fakefrau ist jetzt zugleich die Polizeichefin, größere Frauenrollen in Actionfilmen sind iZw zu begrüßen. Die Widerstandbewegung wird dafür kleiner.
Der ganze Film ist im Vergleich sehr bierernst, dafür hat er ein paar gute Hommagen an das Original, wie zB die Szene mit der Verkleidung, oder Träne statt Schweißtropfen bei der Szene, wo sie ihm einreden wollen, es ist alles nur ein Traum.
Beim 1990er bleibt immer ein bisschen offen, ob nicht alles wirklich nur ein "recalled" Traum ist, beim 2007er ist klar, dass es das nicht ist, wobei es einen Director's Cut geben soll, wo es wieder so ist wie im Original.

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Re: Original vs Remake

Post by dejost » 30 May 2014, 12:46

Robocop (1987) und Robocop 2 (1990) vs Robocop (2014)

1987:
Robocop ist natürlich vordergründig ein Actionfilm, wo viel geballert wird, ab und an mal was explodiert und sehr viel Blut bei jeder der zahlreichen Schusswunden fließt.

Davon abgesehen ist es eine Satire und ein Kommentar zu den 1980er:
Yuppies, Privatisierung, Gentrifizierung, menschenverachtende Gier/Kapitalismuskritik, die Menschmaschine sind Themen die zumindest angeschnitten werden.
Das ist stellenweise recht plump, zB gibt es am Anfang eine Szene wo sie ein Konkurrenzprodukt zu Robocop zeigen, dieses funktioniert aber nicht richtig und erschießt irgendeinen Mitarbeiter (ganz viele Kugeln und ganz viel Blut, und er stirbt direkt auf dem Gentrifizierungsprojektsmodell), stellenweise subtiler (allein der Name "Omnicorp", oder dass die Polizei privat ist, aber sich immer noch so verhält wie eine staatliche Polizei).
Nett sind auch die eingeblendeten Werbungen für menschenverachtende Produkte und die Fernsehnachrichten, wo irgendwelche (Umwelt-)Katastrophen erwähnt werden.

Das ganze noch gekrönt mit Frank Wellers Robocop-Bewegungen, in Summe durchaus ein blutiger Klassiker.

Robocop 2
Das Sequel macht recht wenig, was der erste Teil nicht auch schon gemacht hat: Er ist wieder ähnlich satirisch, ohne dass er jetzt groß neue Themen anschneidet.
Die Möglichkeit, Robocop mit seiner Familie zu konfrontieren, handeln sie recht effektiv ab: Omnicorp redet ihm ein, er kann seiner Frau nichts mehr bieten, und er sagt ihr gleich zu Beginn des Films, er sei nur eine Maschine, der man zu Ehren des verstorbenen Murphys sein Gesicht angeklebt hat - selbst nennt er sich aber weiterhin Murphy und das ganze wird nicht weiter besprochen. Effektiv ja, gut nein - und ist dabei vermutlich nicht als Metakommentar gedacht.
Als gute Einfälle ist zu bewerten, dass Omnicorp die Stadt durch einen provozierten Streik in Zahlungsverzug geraten lassen will, damit sie nachher gleich die ganze Stadt übernehmen können (und ihr Gentrifizierungsprojekt aus Teil 1 fortsetzen), der Bürgermeister ist in diesem Zusammenhang als gelungener Charakter zu nennen. Die Psychologin als neue Yuppie-Böse ist auch sehr gut (die Schauspielerin arbeitet derzeit als Psychologin), die zur Abwechslung auch gar nicht umgebracht wird, sondern am Schluss als Sündengeiss für das ganze Desaster herhalten muss.
Die seinerzeitige Kritik fand den minderjähren, drogendealenden Schwerverbrecher jenseitig, ich fand ihn aber ganz ok.
Es fehlt ihm etwas der rote Faden oder die große Idee.

Unterm Strich nicht so gut wie Teil 1, aber solide.

Robocop 2014
Das Remake entfernt sich schon sehr weit von der Vorlage.
Omnicorp ist hier noch nicht so übermächtig, sondern "nur" Teil des militärisch-industriellen Komplexes, die mit einem neuen Produkt in den Zivilmarkt wollen, und dabei aber vom Gesetzgeber in den USA ausgegrenzet werden, der Roboter/Drohnen in den USA - nicht im Ausland - verbietet.
Was das Original verabsäumt hat, nämlich seiner Familie eine größere Rolle zu geben, wird hier gut nachgeholt. Auch sein innerer Konflikt wird hier mehr in den Mittelpunkt gerückt.
Interessant ist, dass sie hier die Maschine zunächst als überlegen darstellen, sie manipulieren sein Gehirn sogar so weit, dass er glaubt, die CPU-Entscheidungen wären seine eigenen (und er wird dadurch wirklich zum Roboter) und dadurch ein besserer Kämpfer. Letztlich überwindet er aber - wohl nur aus Willenskraft - die Vorgaben und wird wieder zum Menschen (zumindest psychisch, physisch natürlich nicht).
Korruption ist hier wieder wie gehabt, Omni gehört nicht einfach (legal!) die Polizei, sondern einzelne Polizisten lassen sich vom organisierten Verbrechen kaufen.
Bierernst ist auch dieser Film - offensichtlich konnten man in den 1980ern besser unernsten Ton treffen, ohne ins Alberne abzugleiten.
Einen leicht imperialistischen Unterton kann man den Szenen am Anfang im Besatzungsland leider nicht absprechen.
Gut fand ich dafür, dass immer Public Relations, Werbung etc eine größere Rolle in den Überlegungen von Omni spielen.

Als Hommagen finden sich insbesondere ein paar Einzeiler, wie "Dead or alive, you are coming with me", oder "I'd buy that for a dollar". Die Schlagzeilen gibt es nur mehr als Inserts, die Werbeeinschaltungen gar nicht. Robocop sieht ganz anders aus und geht auch ganz anders als zuvor.

Gerettet wird das ganze im Wesentlichen durch Pat Novak, einen Fernsehmoderator, der seine eigene Show hat und eine eigene, robofreundliche Agenda verfolgt. Es ist das letzte, verbleibene satirischer Element (relevanter Größe).

Als Actionfilm fand ich ihn eher unaufregend.

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Beauty and the Beast (1991) vs Beauty and the Beast (2017)

Post by Gabriel Ritter » 02 Jan 2018, 19:42

Beauty and the Beast (1991, Animation) vs Beauty and the Beast (2017, Liveaction) (Die Schöne und das Biest)

Zum "Original":
Mit Märchen ist das ja so eine Sache. Die gehen zumeist auf noch ältere Sagen, Fabeln usw zurück (hier Eros & Psyche, ev Prinz Marcassin), die Frage nach dem Original ist für den Zweck eines Hobby-Blogs dann wohl etwas zu weit gefasst.
Das gängige "Original" stammt aus Frankreich aus dem 18. Jahrhundert, hat für Märchen die Besonderheit, dass es sich bei Belle um eine (verarmte) Kaufmannstochter (also weder Bauern noch Adelige) handelt. Der pädagogische Zweck des Märchen soll es sein, eine positive Stimmung für arrangierten Ehen zu schaffen.
Und zum Thema Originale sei noch erwähnt, dass es aus 1946 einen klassischen französischen Film gibt mit dem selben Titel, in dem ebenso ein weiterer Verehrer auftaucht (dargestellt vom selben Schauspieler, der auch das Biest und den Prinzen spielt) und es einen verzauberten Kerzenständer gibt.

Beauty and the Beast (1991, Animation)

Der Film findet sich in mehreren Listen a la "Beste Animationsfilme aller Zeiten" und das zu recht.
Das Musicalformat geht mit der Animation und der Grundstory - eine Liebesgeschichte - ausgezeichnet Hand in Hand, auch wenn die Story dadurch stellenweise sehr komprimiert bzw in einen zeitlich zu engen Rahmen geengt wird.
Belle ist, was schon bei Arielle kurz zuvor begonnen hat, eine Disney-Prinzessin, die selbst versucht ihr Schicksal zu lenken und nicht nur willfähriger Spielball von Flüchen, Zaubern oder Geburtsstand ist. Sie ist auch - Einzelkind mit Erfinder als Vater - als Intellektuelle inszeniert, wobei sich das darin erschöpft, dass sie Bücher mag und gerne um sich hat, beim Lesen lässt sie sich hingegen kaum erwischen. In ihrer Abneigung gegen das Provinzielle (primär nur das erste Lied) schimmert dafür aber auch ein etwas eigenartiger Elitismus durch. (Komisch ist auch, dass sie ihre Bücher im Geschäft borgt, was im Remake geändert wurde).
Die animierten Gegenstände sind gelungene Karikaturen ihrer selbst, was sich nach der Rückverwandlung noch besser zeigt.
Der meiner Meinung nach beste Charakter ist aber Gaston - er ist das wahre Biest, nämlich einfach ein schlechter Mensch: Machismo, Hybris, Chauvinismus, Narzissmus und noch eine Portion Naturverachtung in Form eines schon beinahe lächerlich attraktiven, athletischen Adonis. (Soweit ich weiß auch der erste Disney-Schurke, der nicht so aussieht). Dabei will er nicht die Krone, die Weltherrschaft oder Geld - er hält sich einfach für den Besten, dem alles zusteht, wobei er nicht über den Tellerrand hinauskommt.

Beauty and the Beast (2017, Liveaction)

Der Film wurde gut angenommen und kommerziell äußerst erfolgreich.
Er bleibt dem Original ergeben, über weite Strecken geradezu sklavisch, bessert aber doch einige kleine Macken aus: Belle wird gescholten, weil sie einem Mädchen das Lesen beibringt, wie erwähnt borgt sie sich Bücher nicht mehr Geschäft usw.

Ein paar Dinge gibt er dazu - etwas mehr Hintergrundgeschichte für Belle und Beast (macht nichts besser, aber liegt wohl auch daran, dass man sonst nicht Kevin Kline für den Vater von Belle gebraucht hätte), eine Beziehung vom Schloss zum Dorf (schadet jedenfalls nicht) und ein paar einzelne Lieder.

Ein Charakter ist in der 2017er Version deutlich besser als ein Vierteljahrhundert davor: Le Fou.
1991 ist er nur ein hässlicher, leidensfähiger Sidekick, der Archetyp von diesen Handlangern, die in schlechten und mittelmäßigen Zeichentrickfilmen und -serien im Dutzend um die dortigen Bösen herumschleichen.
2017 ist er - gezwungenermaßen - ein normaler Mensch, der auch einen Grund hat, sich all das von Gaston gefallen zu lassen, weil er einfach auf ihn steht. Gegen Ende erkennt er dann auch, dass es einseitig ist und bleibt und löst sich aus dieser ungesunden Beziehung. (Angemerkt sei, dass er vermutlich der erste halbwegs offen schwule originale Disneycharakter ist). Wenn wir schon bei Diversity sind: Es sind nicht mehr alle Charaktere weiß, wobei es sich dabei nur um kleine Rollen handelt.

Das Biest hat die Transformation gut überstanden, Belle auch, andere hingegen weniger:

Gaston ist einfach nur mehr ein eitler Geck, das Überzeichnete musste verloren gehen und damit bleibt er nur mehr der andere Verehrer, ein Nebencharakter zum Vergessen.

Bezüglich der Haushaltsgegenstände/Dienstboten ist der Vergleich schwieriger - zum einen sind abgesehen von den 4 Hauptfiguren jetzt einige andere mit von der Partie, und dann ist es auch hier zwingend, dass Lumiere in Kerzenform einfach nicht so aussehen kann wie Obi Wan Kenobi in Phantom Menace McGregor. Daher sind die Gegenstände viel weniger menschlich, dafür übertrieben detailliert, und erinnern optisch viel mehr an die Transformer als an ihre gezeichneten Vorgänger.
Auch sonst verliert sich das Set in zahlreichen Details und wirkt stellenweise zu überladen. Dem Film schadet das aber nicht.


Alles in allem ein gut gelungener Film, wenngleich nicht besser als das Original, aber auch nicht so uneigenständig wie Cinderella.
Bin schon gespannt, welchen Film sie als nächstes umsetzen - Aladdin oder Arielle?

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großkariert
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Re: Original vs Remake

Post by großkariert » 19 Apr 2018, 20:12

Ich stehe Remakes nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber, aber ist euch auch schon aufgefallen, dass es momentan nicht nur die klassischen Remakes gibt? Lange hatte ich das Gefühl, dass Filme, als Filme wieder neu verfilmt werden. Wie zum Beispiel der Schakal von 1973 und 1997. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass viele Filme als Serien neu verfilmt werden. Westworld zum Beispiel, wobei ich da bislang nur den Film gesehen habe. Und Herr der Ringe soll auch als Serie zurück auf die Bildschirme kehren.

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Luther Herder
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Re: Original vs Remake

Post by Luther Herder » 06 Jun 2018, 21:49

Ich mag Remake gar nicht, ich habe noch nie echt klasse Remake gesehen, sehr oft hat er nichts ähnliches mit dem Original.
Du lebst nur einmal, und selbst darin kannst du dir hier nicht sicher sein.

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HalberHannes
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Re: Original vs Remake

Post by HalberHannes » 12 Jun 2018, 23:43

Natürlich sind die zumeist ganz anders als das Original, das MUSS aber nichts Schlechtes sein. Genau das Gleiche 1 zu 1 nachmachen ist ja oft ein wenig langweilig ODER aber kommt nicht wirklich an das Original ran, weil man zwanghaft etwas wiederholen möchte, was der damaligen Zeit oder Erwartungen geschuldet war.

Ein gutes Remake kann nur versuchen, Fanwünsche nicht völlig zu ignorieren aber sollte ansonsten für sich selbst genommen auch ein gutes Werk sein, unabhängig von der Vorlage.
"“I accept chaos, I'm not sure whether it accepts me.” ― Bob Dylan

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Gabriel Ritter
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Dumbo

Post by Gabriel Ritter » 10 Jul 2019, 14:25

Dumbo (1941, Animation) vs Dumbo (2019, Live Action/Animation)

Dumbo (1941)

Das ist kein einfacher Film.
Er ist eine Art Nummernrevue mit vielen Musiknummern, die größtenteils für sich alleine funktionieren würden.
Die Underdog/Rags-to-Riches-Geschichte ist sehr schnell erzählt, Dumbo, der Elefant, kommt im Zirkus mit riesigen Ohren zur Welt, wird verhöhnt, findet in der Zirkusmaus Timothy einen treuen Kamerad, seine Mutter versucht ihn zu beschützen, zerstört dabei aber das Zirkuszelt und kommt ins "Kittchen", eher zufällig merkt Dumbo, dass er fliegen kann und wird so zum Star - Happy End.
Der Film enthält einige rassisstische Stereotype, die in der Syncro kaum durchklingen, im Original schon eher, er ist aber trotzdem 2017 als "culturally, historically, or aesthetically significant" eingestuft worden.
Er war auch sehr kurz (etwa 64min), die Geschichte wurde nicht extra für den Film erfunden.

Dumbo (2019)

Der Film von Tim Burton ist überraschend formulaisch, ohne sich jetzt inhaltlich sehr an dem aus 1941 zu orientieren.
Während beim Original Dumbo klar die zentrale Figur ist und Menschen so gut wie nicht vorkommen, geht es 2019 primär um einen im 1. WK verwundeten Zirkusperformer und dessen 2 Kinder.
Viele Elemente, tw auch zentralere, aus 1941 werden bestenfalls angedeutet: Die antropomorphe Lok ist eine ganz normale die nur visuell an die damalige anknüpft, der Storch der 1941 singt und spricht wird nur kurz eingeblendet, ähnliches gilt für die Krähen und Timothy, die Zirkusmaus, die zweite Hauptfigur, ist nur ganz kurz zu Beginn zu sehen als ganz normale Maus (mit Kostüm). Ähnlich mit den Musiknummern, ein tragendes Element in 1941, die Melodien werden kurz angestimmt oder ein paar Zeilen gesungen. Sonst gibt es einige visuelle Anspielungen, zB das Schattenspiel an der Zeltwand oder die Seifenblasenshow.
Wie schon erwähnt, geht es vor allem um eine Familienaufstellung im Zirkus, aber sonst ist die gesamte Handlung aus 1941 nur der Hintergrund der ersten Hälfte in 2019.
Nachdem Dumbo ein Star wurde, kommt gleich noch ein weiterer Schwung neuer Charakter, die nicht minder Stereotyp sind wie die afroamerikanischen Arbeiter und Krähen in 1941, nur halt nicht rassistisch: Der skrupellose Unternehmer, der gierige Banker und ein paar Handlanger.
Und weil formulaisch, braucht es am Schluss noch Brände, Explosionen und Lebensgefahr, und der böse Unternehmer der ohne Notwendigkeit böse ist, zerstört dann auch noch gleich aus Blödheit und Arroganz unabsichtlich sein ganzes Lebenswerk, bei dem Dumbo auch keine speziell zentrale Rolle gespielt hätte. Auch sonst ist das ganze von Anachronismen gespickt (man hätte es ja auch nach dem 2. WK ansiedeln können).
Die Handlung ist tw ab der Hälfte, vor allem aber gegen Ende, sehr gezwungen, um eben die formulaische Dramaturgie zu produzieren.

Eine Ironie sollte aber nicht unerwähnt bleiben: Der skrupellose Unternehmer betreibt eine Art Disneyland, für die er Dumbo als eine weitere Attraktion haben will, welches er dann eben selbst zerstört.
Ebenso, dass das Original ja wegen Rassismus kritisiert wurde, aber das Remake hat nur weiße Zentralfiguren, mit Ausnahme Rongo, einem "strong man", der primär ein comic relief character ist, der dauernd irgendwelche geistigen Aufgaben übernehmen muss und Singh, dem stereotypischen Schlangenbeschwörer. Ein paar haben Akzente, und Eva Green, die die französische Trapezistin spielt, ist tatsächlich von dort.

Dumbo und alle sonstigen ursprünglich gezeichneten Tiere (es gibt 2019 halt viel weniger Tiere, die mehr als Statisten sind) hatten einfach viel mehr Charme und Persönlichkeit, als sie noch nicht mit dem Computer gemacht waren. Ab das an der Technik oder an der Fertigkeit der MacherInnen liegt, kann ich (derzeit) nicht beurteilen.

Ich selbst bin kein großer Fan des Films aus 1941, aber der aus 2019 ist doch quer durch die Bank schlechter.

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Aladdin (1992) vs Aladdin (2019)

Post by Gabriel Ritter » 18 Feb 2020, 10:12

Aladdin (1992) vs Aladdin (2019)

Ich hatte schon einen fast fertigen Post, dann habe ich diesen versehentlich gelöscht. Hier jetzt nur eine Kurzfassung, tw in Stichworten

Aladdin (1992)

Auf dem Höhepunkt des Disney-Zeichentrick: Action und Romantik, Drama und Humor, Exotismus und Musik.
Whitewashing ja, leicht rassistische Untertöne ja
Story komprimiert, nicht zu komplex und durch Lieder verkürzt, aber im Großen und Ganzen funktioniert sie.

Jafar der typische Cartoon-Schurke: Man sieht es ihm an, er ist machtgierig. Ende.
Iago der Papagei ist im Zeichentrick dafür ein richtiges Arschloch, nämlich grundlos und gerne böse (wird aber im Direct2Video-Sequel rehabilitiert).

Disney hat wie auch bei Beauty und Beast sich großzügig bei einer führen Verfilmung bedient: Teppich statt 2. Genie, ein paar Namen, einige Plotelemente.

Sultan und Palastwachen sind primär Witzfiguren, nur manchmal schimmern die ernsten Aspekte der Figuren kurz durch, wenn es grade sein muss.

Der wahre (und eigentlich einzige) Star ist der Genie, sie haben sich voll auf das Medium Zeichentrick (und Robin Williams) eingelassen, allen Realitätsanspruch vergessen, und es ist voll aufgegangen.


Aladdin (2019)

Bis dato mein liebstes Remake. Erwartungshaltung war sehr gering, weil Trailer neue Genie-Szenen beinhaltete, die aber den alten ähnlichen waren, aber schlechter.

Story besser - Figuren haben größeren Anteil, ihre Beziehungen untereinander werden besser erforscht oder dargestellt, ein paar der Wendungen gegen Ende machen so mehr Sinn als im Original.

Genie ist jetzt mehr ein Mentor und bekommt eigenen Subplot. Im ganzen weil weniger Genie weniger lustig.

Jasmin bekommt zusätzliches Lied, mehr feministische Unterfütterung und wird am Ende sogar Sultana.

Sultan und Wachen sind jetzt ernst - funktioniert.

Zusätzlicher Charakter Dalia passt gut dazu, nur Prinz Anders ist unlustig und unnötig, aber dafür nicht zu präsent.

Jafar bekommt eine sehr kurze Originstory und eine Motivation, er ist sozusagen Aladdin auf Abwegen (oder vice versa).

Abu und Jago klauen zwar weiterhin Schlüssel und Lampen zum richtigen oder falschen Zeitpunkt, aber sie sind nur mehr Tiere.

Aladdin ist eigentlich die Figur, die am wenigsten verändert wurde.

Whitewashing nein. Leicht rassistische Untertöne wären mir keine aufgefallen, wenn man ein exotisches Setting macht wirkt es immer auch etwas exotistisch.

Es war ihnen klar, dass sie mit dem Original-Genie nicht konkurrieren konnten, desewegen haben sie es nur wenig gemacht, sondern sich auf das konzentriert, was geht. Das ist das Erfolgsrezept des Films, verbessern, was verbessert gehört bzw was man verbessern kann, aber wo man nicht einmal an das Original rankommt, so wenig wie möglich anstreifen - eben ein paar zusätzliche, tiefere Dialoge und Subplots, Tanznummern statt Animations-Grandezza usw. Anleihen ja, aber nicht sklavisch (Cinderella) oder bloß oberflächlich (Dumbo). Ich hoffe, sie halten sich bei allen künftigen Remakes an dieses Rezept.
Auch die metaphysische Inkonsistenz der Magie wird zwar nicht gelöst, aber immerhin anerkannt und ausgebügelt, indem der Genie ab und an nachdenklich schaut und vorab sagt "A lot of gray area".

Die Kritiken waren kritisch, aber ich fand das Remake - insbesondere als Remake als auch als Film für sich - gelungen.

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The Lion King (1994) vs The Lion King (2019)

Post by Gabriel Ritter » 02 Apr 2020, 11:55

The Lion King (1994)

Hier muss ich copy-pasten, was ich schon oben zu Aladdin schrieb:
"Auf dem Höhepunkt des Disney-Zeichentrick: Action und Romantik, Drama und Humor, Exotismus und Musik.
[...]
Story komprimiert, nicht zu komplex und durch Lieder verkürzt, aber im Großen und Ganzen funktioniert sie."
Meiner Meinung nach war dies das Erfolgsrezept von den wirklich guten abendfüllenden Disneyfilmen.

Wie auch bei vielen anderen Filmen haben sie sich großflächig bedient:
Die Story ist diesmal kein altes Märchen, sondern Shakespeares Hamlet (aber auch Shakespeare hat ja die Gesichichte nicht erfunden).
Ob die Übereinstimmungen mit Kimba the White Lion/Jungle Emperor von Astro Boy Erfinder Tezuka rein zufällig sind oder doch abgekupfert wurden, lasse ich hier mal so stehen.

Im Film spielt das klassische Trauma des typischen Kinderfilms eine noch zentralere Rolle als sonst: Tod eines Elternteils, hier in der besonders "kindgerechten" Variante mit Anwesenheit des Kindes, dass sich auch noch selbst die Schuld dafür gibt und Grundlage für den Großteil der weiteren Handlung ist.

Erwähnen darf ich noch, dass es einer der wenigen Filme ist, der in Zulu übersetzt wurde und dass es hier eine Szene gibt, die auf deutsch viel besser ist: Im Englischen nennen die Hyänen Pumba "Pig", und er ereifert sich, dass er "Mr Pig" genannt werden möchte (was kaum Sinn macht, er ist ein Warzenschwein (Warthog) und auch kein Polizist, die im Englischen "Pig" genannt werden).
Auf deutsch nennen sie ihn "Sau", und er möchte Warzenschwein genannt werden.
(Im Remake nennen sie ihn auf englisch "chubby" und er sagt, er wird immer gegen "Bullys" (Leute, die andere niedermachen; Tyrannen) auftreten, wie es übersetzt wurde, weiß ich nicht).

Kommerziell erfolgreich, hochgelobt, zur Konservation auserkoren.
Zu dem Film wurde schon so viel gesagt, mir fällt nichts Besseres ein.

The Lion King (2019)

Vorne weg, die pseudo-realistischen Tiere gefallen mir viel weniger als das Original. Vielleicht ist es der Mere-Exposure-Effekt, und Antropomorphismus ist per se ein schmaler Grat, aber die neuen Tiere haben dadurch meiner Meinung nach viel weniger Persönlichkeit. Letztlich ist es keine Tiergeschichte, es ist eine Menschengeschichte mit Tieren, und ein großer Teil des Menschlichen ist dadurch verloren gegangen. Besonders schadet das Timon und Pumbaa, die ja schon visuell ins Komische übersteigert waren, und dadurch noch unpassender werden.
Was natürlich besser wurde, sind die Panorama-Aufnahmen, die viel detaillierter sind und denen die gesteigerte "Echtheit" nicht schadet, zum Beispiel wie die Kamera über die Menge an Tieren hingewegfliegt, die zum Königsfelsen pilgern.

Da der Film noch nicht mal 30 Jahre auf dem Buckel hat, gibt es auch nicht wirklich was zu modernisieren oder zu aktualisieren.
Abweichungen sind geringfügig, und wenn doch machen sie nichts besser. Besonders befremdlich fand ich die sehr eigenartige philosophische Unterfütterung von "Hakuna Matata", die dann 2min später völlig inkonsistent über Bord geworfen wird, als sie doch beschließen, Simba zu helfen.

Ansonsten sind wir hier wieder bei Fehler Nr. 1 wie bei vielen Remakes: Die sklavische Ergebenheit zum Original ohne eigener Kreativität. Da die neue Optik mehr schadet als nützt, bleibt ein in Summe in fast jeder Hinsicht schlechterer Film über.

Zu erwähnen ist, dass die Kampfszenen länger sind und durch den gesteigerten Realismus auch brutaler (aber trotzdem blutlos).

Die Kritik ist teilweise und völlig zu recht sehr hart mit ihm ins Gericht gegangen, zB "this soulless chimera of a film comes off as little more than a glorified tech demo from a greedy conglomerate — a well-rendered but creatively bankrupt self-portrait of a movie studio".

Ein enttäuschendes und grundsätzlich entbehrliches Remake.

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Lady and the Tramp (1955) vs Lady and the Tramp (2019)

Post by Gabriel Ritter » 05 Apr 2020, 14:31

Lady and the Tramp (1955), auf Deutsch Susi und Strolchi

Der Film erzählt die Geschichte eines Haushundes in einem gehobenen Haushalt in New England im Jahre 1905, die einen Streunerhund trifft. Die Geschichte basiert auf einer einer Kurzgeschichte aus den 1940ern.
Sonstige Ankänge sind mir nicht aufgefallen.

Der Film wurde ursprünglich gar nicht so gut aufgenommen, gilt aber mittlerweile als Klassiker.

In vielererlei Hinsicht ist der Film überholt - die sprichwörtlichen Geschlechterrollen der 1950ern, die nicht zu knapp auf's Auge gedrückt werden - Lady zB ist durchgehend eine Damsel in Distress, Tiere als Geschenk, keine artgerechte Haltung, Stereotype zuhauf. Auch die - kaschierte - Szene, wo die beiden alten Nachbarshunde Jock und Trusty Lady sinngemäß anbieten, sie zu ehelichen, um ihre Ehre wieder herzustellen, weil sie mit Tramp alleine über Nacht weg war.

Interessant, auch wenn nur gestreift, sind die unterschiedlichen Ansichten - wer von den beiden ist frei und warum (nicht).
Sehr nett ist die Idee, dass die Menschen (mit Ausnahme der bösen Tante) für gewöhnlich so dargestellt werden, dass man sie nur bis zur Hüfte sieht, aber jedenfalls nie die Gesichter aus der Nähe, und dass sie "Darling" und "Jim Dear" heißen.

Was ua die zeitgenössische Kritik nicht so schätzte war das etwas unschlüssige, plötzliche Drama mit der Ratte am Schluss, damit man noch mal erwzungene Gefahr für das Finale produziert. In der Tat hätte sich hier eine irgendwie durchdachtere Handlung für die Erzielung des dramatischen Effekts angeboten.

Die Streunerhunde sind klar als Kriminelle codiert, dem Zeitgeist entsprechend dient der Hundezwinger auch nur der Verwahrung und Ausmerzung, nicht der Rehabilitation.

In Summe ist der Film doch ausreichend harmlos und herzig und mit einigen (unaufregenden) Liedern und Schnulzen.


Lady and the Tramp (2019)

Die Geschichte bedarf klar der Modernisierung.
Der Film war Direct2Streaming (wurde also nur am Disney-eigenen Streamingdienst veröffentlicht, was halt früher Direct2Video war), und entsprechend sollte man die Erwartungshaltung einpendeln, was Produktionskosten, Effekte und Staraufgebot anbelangt.
Berücksichtigt man dies, so ist der Film gelungen.

Anders als bei Lion King finde ich die animierten Hunde nicht schlechter als die Originale. Besser allerdings auch nicht. Wirklich begründen kann ich es auch hier nicht.

Die Story wird etwas adaptiert und eben modernisiert - die Geschlechterstereotypen sind weg, Lady ist ein gleichberechtigter Charakter. Keine angeketteten Hunde mehr, und der Händler in der Tierhandlung weigert sich zunächst, einen Beißkorb überhaupt zu verkaufen.
Das führt gezwungenermaßen zu einigen Anachronismen, die man aber tolerieren kann (oder muss).

Die Menschen werden jetzt ganz normal dargestellt und sie haben einen etwas größeren Anteil an der Handlung. Die schon im Original nur gestreiften philosophischen Fragen gehen jetzt noch mehr unter(, außerdem gibt es den Philosophen-Hund Boris nicht mehr).
Dafür ist die ikonische Spaghetti-Szene jetzt realistischer, als sich die Hunde gegenseitig abschlecken statt Spaghetti zu schlürfen (Disney selbst wollte die Szene übrigens ursprünglich streichen)

Stramp/Strolch ist kein Frauenheld mehr und niemand muss Ladys/Susis Ehre retten.

Die Ratte wirkt zwar jetzt realistischer und damit viel harmloser, dafür kommt sie immer wieder mal und wird so besser als Schurke/Gefahr eingeführt. Trotzdem hätte man sich hier auch einen Ersatz überlegen können, zwar kündigt sich die Gefahr nun an, es ist aber noch weniger klar, wieso eine Ratte einem Baby einfach so etwas tun sollte.
Der Hundzwinger dient jetzt zumindest etwas der Rehabilitation, als einige der dort befindlichen Hunde dann im Laufe des Films auch adoptiert werden. In diesem Zusammenhang ist für mich unverständlich, wieso sie das demonstrative Einschläfern eines einzelnen Hundes wie im Original dort nicht ersatzlos gestrichen haben, vermutlich der Dramaturgie geschuldet, um den Zwinger bedrohlich zu machen und nicht nur eine unliebsame Zwischenstation.

Mit ein paar Abstrichen ist das Original gut auf dem Niveau eines Nicht-Kinofilm modernisiert worden.

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